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Kampf unter Kollegen: Warum die Ellenbogen?

Wie kommt es, dass das Büro zur Wettkampfarena wird? In einer idealen Welt reichen wir uns doch alle die Hände. Warum sieht die Arbeitsrealität oft noch anders aus? 

„Mein Chef hatte schon zugesagt“, erzählt Alina. „Ich hatte mir unendlich viel Mühe gegeben, ihn davon zu überzeugen, mich zu der Konferenz zu schicken. Kosten hier, Nutzen da, schön aufbereitet. Und dann grätschte kurz vor Zwölf meine Kollegin rein.“ Am Ende blieb sie im Büro, die andere fuhr. Mit einem spitzen Grinsen.

Was Alina getan hat? Nichts. Sie hatte keine Lust auf diese Ellenbogenmentalität. Es war ihr zu kindisch, zu kontraproduktiv, zu energiezehrend. Äußerlich blieb sie ruhig. Im Stillen bekam ihr Chef die Tags #manipulierbar, #führungsschwach, #thisishowyoushouldNOTdoit.

Und die Kollegin? War bei ihr alle Sympathiepunkte los. Natürlich. Doch das wird diese wenig interessiert haben. Die Karriere wie ein stures Brauereipferd mit Scheuklappen vor Augen, war ein Blick nach links und rechts für sie reine Zeit- und Energieverschwendung. Es sollte nach vorne gehen, koste es, was es wolle.

Willkommen in der Wettkampfarena!

Konkurrenten statt Kollegen. Dieses Prinzip ist weit verbreitet. Und oft von höchster Stelle kultiviert.

Chefs wählen Mitarbeiter des Monats, pushen mit Bonuszahlungen die Wettkampfattitude oder blenden Wolf-of-Wallstreet-like die Umsatzzahlen aller Mitarbeiter auf Bildschirme an der Wand, für jeden sichtbar, für jeden bewertbar (nicht nur in Callcentern). So werden alle zu Richtern und Gehetzten zugleich. Das soll die Produktivität steigern. Die Effizienz, den Ertrag, den Erfolg. Welche Wörter man auch benutzt: Es stimmt nur kurzfristig.

Langfristig macht sich etwas anderes breit – Frustration. Bei allen. Von der vielzitierten und gewünschten „intrinsischen Motivation“, dem eigenen, inneren Antrieb, ist bald keine Spur mehr, denn die wird vornehmlich durch positive Gefühle gefördert. Durch Wertschätzung, Respekt, Unterstützung, Miteinander und gemeinsame Erfolge. Nicht durch Druck von außen oder Konkurrenzgehabe. Warum nur sehen das viele anders?

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Let`s fetz! – Echtes Miteinander ist oft (noch) Mangelware

Durch Reibung entsteht Energie. Und wo Energie ist, bewegt sich etwas. Viele Chefs und Vorgesetzte denken noch immer so. Sie mögen recht haben. Es bewegt sich etwas – aber in die falsche Richtung. Denn das Gegeneinander ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Und doch passiert es häufig. Ein Kollege klärt einen Fehler nicht konstruktiv im Vieraugengespräch, sondern mailt „Ich war’s nicht. XY hat’s verbockt.“ ans Team, den Chef gleich in cc. Im Meeting wird die Idee eines anderen als die eigene präsentiert. Wissen wird zurückgehalten, andere könnten ja – oh nein – davon profitieren und den eigenen Platz streitig machen. Schnell wird aus dem gefühlten Kindergarten ein offener Kampf unter Kollegen. (Wie sich ernstes Mobbing durch Kollegen anfühlt, beschreibt ein Artikel auf Edition F.)

Woran liegt es?

Die Gründe für dieses Verhalten sind vielfältig. Missgunst, Neid, Allmachtstreben, eigene Versagensängste oder Unsicherheit können aus Kollegen wahre Foul- statt Fairplayer machen. Einiges davon ist menschlich, viele mögen ihren Hang dazu selbst nicht. Doch dieses Gefühl dann auf Kosten anderer auszuleben, ist für eine soziale Gemeinschaft – und das ist ein Unternehmen – fatal.

Dabei darf nicht vergessen werden: Jede Verhaltensweise braucht Raum zur Entfaltung. Gibt es Widerstand, erstickt sie oft schon im Keim. Wenn jedoch eine Unternehmenskultur vorherrscht, die Ellenbogengehabe unterstützt statt auf konsequenten Teamgeist zu setzen, ist das Problem eine hausgemachte Suppe. Und die schmeckt nicht.

Und was macht das mit uns?

Wenn wir das Gefühl haben, uns im permanenten Kampfmodus zu befinden, passieren unschöne Dinge. Wir bekommen Angst, fühlen uns ausgelaugt, unsicher, setzen ebenfalls auf Angriff (auch gegen unsere Natur) oder kapitulieren.

Es macht uns zu Menschen, die wir nicht sein wollen.

Mitarbeiter kündigen reihenweise aufgrund von stressbedingten Krankheiten oder weil sie einfach keine Lust auf diese kräftezehrende Prozedur haben, die ihre Lebenszeit mit negativer Energie füllt und sie von dem abbringt, was sie eigentlich gerne tun: ihre Arbeit.

Da stellt die Designerin ihre Leidenschaft für Grafikkunst in Frage, der Architekt hat keine Lust mehr auf kluge Entwürfe und die Sales Managerin sind die guten Kundenbeziehungen irgendwann egal. Das ist das Dramatische. Ein ständiges Gegeneinander, mangelnde Wertschätzung und kein Rückhalt von anderer Seite lassen die Leidenschaft verkümmern. Wollen wir das? Ist das im Sinne des Unternehmens, liebe Vorgesetzte?

Es wird Zeit für ein menschliches Denken.

Ob digitales Start-up, Konzern oder mittelständischer Friseurbetrieb – das Gegeneinander findet sich überall. Dabei gibt es genügend erfolgreiche Gegenbeispiele.

Die Ideen sind nicht neu. dm-Gründer Götz Werner lebt seit den 1970er-Jahren eine Miteinander-Kultur. Anfänglich wurde sein Denken als „Waldorf-Mentalität“ belächelt. Der Erfolg von dm ließ seine Kritiker jedoch nach und nach verstummen – und zeigt, dass Fairness, Miteinander und Füreinander dem ökonomischen Vorankommen kein Bein stellen, sondern es erst ermöglichen.

Lasst uns in den Norden schauen. Nicht umsonst werden schwedische Unternehmen mit ihrer Konsenskultur seit Jahren hochgelobt. Sie gelten als kreativ und innovativ. Die Dinge passieren zwar langsamer, aber auch durchdachter. Der Erfolg ist so langfristig spürbar. Denn die Wertschätzung jeder einzelnen Meinung fördert neue Ideen und die intrinsische Motivation, sich gut einzubringen.

Auch Alina hat erkannt, dass ein Miteinander nicht nur die angenehmere, sondern die einzig gesunde Form der Arbeit ist. Die „geklaute“ Konferenz war nur der Anfang. Als sich die Beispiele häuften, legte sie ihrem Chef die Kündigung auf den Tisch. Innerlich verbucht unter #esgehtauchanders.

 

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